Leibniz-Gespräche: Mehr Bildung, Spiele und Gelassenheit im Umgang mit Fake News – Mehr digitale Angebote zur Fachkräfteeinwanderung!

Leibniz-Gespräche: Mehr Bildung, Spiele und Gelassenheit im Umgang mit Fake News – Mehr digitale Angebote zur Fachkräfteeinwanderung!

Ohnmachtsgefühle und Fake News

Noch nie zuvor wurde das Grundrecht auf Meinungsfreiheit so uneingeschränkt gewährleistet wie heute. Gleichzeitig scheint die Menge an Fake-News unüberschaubar zu werden. Umso wichtiger war deshalb mein Gespräch mit Dr. Tobias Conradi und Philipp Deny vom Leibniz-Institut für Bildungsmedien, die sich eingehend mit den Ursachen falscher Berichterstattung und dem intelligenten Umgang mit modernen Medien beschäftigt haben.

Der Rückgang etablierter gesellschaftlicher Institutionen hat in den letzten Jahren u.a.dazu geführt, dass sich der Einzelne weniger gehört fühlt und im Schatten der Politik unter dem Eindruck der Ohnmacht steht, keine Selbstwirksamkeit mehr spürt. In den neuen Bundesländern ist dieses Ohnmachtsgefühl der Menschen wegen der langen Unterdrückung, die sie in der DDR erfahren haben, und wegen der Herausforderungen der Wen­de vielerorts stärker ausgeprägt als im Westen.

Fake News und Polarisierung

Diese Entwicklung machen sich die AFD – oder Politikertypen wie Donald Trump – zu Nutze, die sich
als Sprachrohr dieser Menschen positioniert und auch durch Verwendung falscher Berichterstattung mehr und mehr polarisiert.

Da Menschen dazu neigen, diejenigen Informationen zu glauben, die ihre bestehenden Überzeugungen bestätigenConfirmation Bias, haben Fake News ein leichtes Spiel. Das schafft immer neue Resonanzräume, Echokammern, in denen sich die aufgestauten Emotionen entladen können. Das verstärkt die Spaltung und Fragmentierung der Gesellschaft, in der Zusammenhalt und gegenseitiges Vertrauen abnehmen. Dieser Entwicklung müssen wir entgegenwirken.

Verantwortungsgemeinschaften stärken

Eine Möglichkeit: die Menschen stärker an politischen Entscheidungen oder Prozessen zu beteiligen. Die Leibnizforscher nannten hier z.B. auch die Bürgerräte, die zu bestimmten Fragestellungen Lösungsvorschläge erarbeiten und den Politikern präsentieren. Dabei geht es nicht unbedingt darum, selbst Entscheidungen zu treffen, sondern darum, Teil einer Verantwortungsgemeinschaft zu sein, die sich für gemeinsame Ziele einsetzt. Das kann auch in Vereinen sein.

Medienbildung in der Schule ausbauen

Philipp Deny beschäftigt sich am Leibniz-Institut speziell mit dem Thema „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“. Wir müssen schon bei den Jüngsten anfangen und dringend die Medienbildung in der Schule ausbauen und die Lehrpläne anpassen. Die Bereitstellung digitaler Infrastruktur reicht nicht aus. Die Kinder und Jugendlichen müssen rechtzeitig lernen, Informationen zu filtern, Fake News zu erkennen, Behauptungen im Netz zu bewerten – kurz: den intelligenten Umgang mit modernen Medien und besonders mit generativer KI wie ChatGPT. Wie, das untersuchDas ist auch eine Herausforderung für die Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer.

Wichtiger Perspektivwechsel: „Fake it to make it“?

Dabei können auch sogenannte Serious Games zum Einsatz kommen, wie sie vom Leibniz-Institut für Bildungsmedien getestet werden. Dr. Conradi leitet das Projekt „Gespielte Probleme“. Besonders nützlich ist das Spiel „Fake it to Make it“, das aus den USA stammt und von der Bundeszentrale für politische Bildung ins Deutsche übersetzt wurde. Ziel ist es, auf spielerische Art und Weise für die tückischen Fallen falscher Berichterstattung zu sensibilisieren und das System aus einer neuen Perspektive zu sehen.

So wird der Spieler, die Spielerin dazu aufgefordert, sich besonders polarisierende „alternative Fakten“ so auszudenken, dass diese möglichst häufig angeklickt und weitergeleitet werden, um damit Gewinne zu erzielen. So können die Spieler als Urheber von Fake News – und eben nicht als ahnungsloser Rezipienterkennen, wie die Mechanismen in diesem System ablaufen, und welche ökonomischen oder politischen Interessen dahinterstecken.

Bitte mehr Gelassenheit!

Und noch eine wichtige Waffe hilft gegen die Zunahme von Fake-News und politischer Polarisierung, und das ist vielleicht die wichtigste: mehr Gelassenheit.

Gelassenheit hilft uns, anstatt emotional auf Berichterstattung zu reagieren, diese besonnen zu reflektieren und so zu einer konstruktiven Gesprächskultur beizutragen – und damit auch zur Stärkung unserer Demokratie stärken.

Mit Dr. Tobias Conradi (Mitte) und Philipp Deny vom Leibniz Institut für Bildungsmedien auf der Brücke des Jakob-Kaiser-Hauses im Bundestag

 

Kann Einwanderung den Arbeitskräftemangel lösen?

Wir reden schon lange nicht mehr nur über Fachkräftemangel – uns fehlen ganz einfach überall Arbeitskräfte, in allen Bereichen, auf allen Niveaus, vom IT-Experten bis zur Reinigungskraft. Im Baubereich sind bis zu 50% der Beschäftigten ausländischer Herkunft. Bei meinem zweiten Leibniz-Gespräch habe ich deshalb mit Dr. Yvonne Giesing vom Ifo-Institut München darüber gesprochen, wie wir mehr ausländische Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt gewinnen können. Das erst kürzlich von der Ampel novellierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz kann nicht die alleinige Lösung sein – und an dessen Umsetzung hapert es auch.

Die wahren Herausforderungen heißen: massiver Personalmangel bei Arbeitsagenturen, Ausländerbehörden und Visastellen, mangelhafte Digitalisierung der Verfahren, zu viel Bürokratie, zu wenig qualitativ hochwertige und fachbezogene Deutschkurse, und auch das je nach Berufsgruppe zu starre Beharren auf der Reihenfolge: erst Deutsch lernen, dann Jobangebot.

Zum Beispiel im Baubereich, wo sowieso überwiegend Polnisch oder Rumänisch gesprochen wird. Untersuchungen von Dr. Giesing haben ergeben, dass im IT-Bereich, wo ausnahmsweise erst einmal Englischkenntnisse ausreichen, um nach Deutschland zu kommen, die meisten ausländischen Fachkräfte aus eigenem Antrieb Deutsch lernen und die Deutschkurse dann auch selbst finanzieren – ganz einfach auch deshalb, um im Alltag und auf dem Wohnungsmarkt bessere Chancen zu haben.

Dr. Giesing hat in einem Feldexperiment auch festgestellt, dass die Beschäftigung benachteiligter Flüchtlingsgruppen durch Unterstützung bei der Arbeitssuche gefördert werden kann. Das betrifft besonders Flüchtlinge mit niedrigem Bildungsniveau und solche, die noch keinen Flüchtlingsstatus erhalten haben, profitieren davon.

Was noch helfen würde laut Dr. Giesing:

  • automatische Übersetzungsprogramme für ausländische Papiere;
  • eine bessere Willkommenskultur in den Behörden;
  • mehr Global Skill Partnerships mit anderen Ländern wie z.B. in der Pflege mit den Philippinen;
  • EU-Visa-Abkommen mit sicheren Drittstaaten; sie würden nicht die Fach- und Arbeitskräfteeinwanderung beschleunigen, sondern auch die Zahl der Asylverfahren zu verringern;
  • Steuererleichterungen für Rückkehrer nach Deutschland wie in anderen Ländern.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Mit Dr. Yvonne Giesing vom Ifo-Institut habe ich online gesprochen.